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Tapfheim, 13.11.2019

Gedanken zum Volkstrauertag 2019

Volkstrauertag 2016

Verehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger,


dieses Jahr mache ich es mir mit meinem Wort zum anstehenden Volkstrauertag etwas einfacher und versuche nicht wieder neue Worte für das schon tausendmal Gesprochene zu finden. Auf der nächsten Seite können Sie meine Gedanken aus dem letzten Jahr lesen, die ich für die Gedenkveranstaltungen verfasst habe, die aber leider immer weniger Zuhörer finden, obwohl die Thematik um Krieg und Frieden ungebrochen, vielleicht mehr denn je aktuell ist. Nachdem ich die Zeilen gelesen habe, dachte ich mir, warum nicht mal auf diesem Weg den Friedensgedanken provozieren?

 

… Jedes Jahr versuche ich aufs Neue mit kurzen prägnanten Sätzen den Sinn dieses Gedenktages neu zu formulieren und die Menschen unserer Gemeinschaft, meine Bürgerinnen und Bürger, zu erreichen. Ich beschreibe Ihnen Jahr für Jahr die Ereignisse der Vergangenheit als “Schaubild des Bösen“ und möchte die Aufmerksamkeit auf die Geschehnisse der Kriege lenken. Schon 2005 habe ich die Frage an Sie gerichtet: Sollten wir, die Überlebenden, es uns nicht bequemer machen und die lästigen Erinnerungen verdrängen? Und was geht das alles eigentlich die nachfolgende Generation an? Und 2006 die Frage: Sind sich die nachfolgenden Generationen überhaupt bewusst, in welch glückliche Zeit sie hineingeboren wurden? Seit Jahren immer denselben Satz: Wie lange die Kriege schon vorbei sind. Ständig habe ich beschrieben, welch unermessliches Leid die beiden Weltkriege über die Menschheit gebracht haben. Oft auch absichtlich habe ich provozierend formuliert und mit derben Worten auf die aus meiner Sicht gemachten Fehler und Versäumnisse der Politik hingewiesen.


In allen Ansprachen war ich mutig und habe mir das von der Leber geschrieben, was mich zum Volkstrauertag bewegte. Jede der Ansprachen könnte ich heute noch genauso wiederholen, außer ein paar Erinnerungsdaten hat sich nichts geändert. Ich habe für mich versucht, mir aus vielen Gesprächen mit Kriegsveteranen ein Bild der damaligen Geschehnisse zu machen und habe bei deren Schilderungen oft zu Boden geschaut, bin den weinenden Blicken der alten Männer ausgewichen. Stattliche Männer, in deren Erinnerung auch nach einem halben Jahrhundert noch das Grauen, die Verzweiflung und der Tod wach waren und die Stimme zittern ließ. Nichts hat sich verändert. Nicht der Sinngehalt meiner Ansprachen und leider auch nichts im Denken der Menschen - man möge mir es sagen, wenn es anders ist.


Wir alle sind vom Virus des Wohlstandes infiziert: immer noch schneller, noch schöner, noch besser, noch größer, noch teurer, noch mehr - noch gieriger. In der heutigen Weltengemeinschaft, wo ein jeder vom Nächsten abhängig ist, haben Präsidenten, die am „Mich- und Mein-Syndrom“ leiden, m. E. nichts verloren. Länder, die sich zum Selbstzweck aus Gemeinschaften herausnehmen, dürfen nicht auch noch belohnt werden. Und Länder, die bewusst untersteuern mit dem Ziel, man wird sie schon auffangen, darf man nicht einfach gewähren lassen.


Und ich nehme mir gerne auch die Protest- und Propaganda-Parteien zur Brust, die mit wenigen Schlagworten die ganz große Seligkeit versprechen. Die Parteiprogramme, die sowieso die wenigsten Bürger, geschweige denn die eigenen Anhänger in ganzer Tiefe gelesen haben, sind meilenweit vom demokratischen und sozialen Gedankengut entfernt. Sie bezeichnen sich als freiheitlich liberal und legen im gleichen Absatz das Bekenntnis zur Zweiklassengesellschaft nieder. Und sie schaffen es in einer Zeit, wo allen Menschen in unserem Land der Anspruch auf Hilfe zugestanden wird, niemand hungern muss, niemand obdachlos sein muss, einem Jeden im Eigentlichen in seinen sozialen Bedürfnissen geholfen wird, die Menschen zur Unzufriedenheit zu animieren, indem aus Not Gier wird und diesen Wohlstand, den sich im Übrigen die Mehrzahl der Bürger erarbeitet haben, zum Reizthema machen. Es reicht im übertragenen Sinn schon lange nicht mehr das Stück Brot, um satt zu werden, sondern es muss schon Torte sein, um den Missstand auch genießen zu können. Müssen um uns herum erst wieder Mauern einstürzen, damit der Deutsche zur Besinnung kommt?  


Es gab in Deutschland Zeiten, wo die Menschen wirklich hungerten, wo Menschen unaufgeklärt denen nachliefen, die Glück und Heil versprachen, ihnen wurde schlussendlich aber nur Not, Verzweiflung und der Tod beschert. Nein, ich will die Situation nicht vergleichen, aber ich darf schon anmerken: Wem es heute in Deutschland am Lebensnotwendigen fehlt, dem kann in der Regel geholfen werden. Wer sich aber in seiner „Not“ aus Konsumgier nicht helfen lässt, dessen „Not“ ist mit Sicherheit alles andere als lebensbedrohend.

 

Eine weitere bittere Tatsache ist die Entfremdung der Generationen untereinander. Die Kindertageseinrichtungen wie auch die Altenheime sind voll und die Generation dazwischen hechelt ihrem gewünscht hohen Lebensstandard nach. Man möge mich als altmodisch bezeichnen, aber ich vertrete nun mal die Meinung, dass trotz bestimmt hervorragender Ausbildung, viel Engagement und Hingabe weder die Kinderpflegerin noch der Altenpfleger im Heim familiäre Wärme ersetzen können.


Das ist das Bild unserer Gesellschaft und wir erfinden jedmögliche Ausrede, um dies zu verteidigen. Ich bewundere jeden, der versucht sich aus diesen Zwängen zu lösen und sein Leben auch mit einem Stück Zufriedenheit lebt. Um in unserer Gesellschaft etwas zu verändern, braucht es nicht noch mehr Luxus, noch mehr Annehmlichkeiten, noch mehr Mammon. Das einzige, was wir mitbringen müssten, ist ehrliche Zeit - und etwas Mut und den Willen wirklich etwas ändern zu wollen.


Wie passend diese Worte am Volkstrauertag sind, muss jeder für sich beurteilen. Für mich ist der Volkstrauertag immer ein Blick in die Vergangenheit, wo in unbegreiflicher Weise nahezu ein ganzes Volk zur Kriegshetze animiert und getrieben wurde – und dann, als das Kriegsrad zu laufen begann, keiner mehr ausscheren konnte; ein ganzes Volk folgte fanatischen, falschen Ideologien und viele Millionen Menschen mussten dies mit dem Leben bezahlen.


Nicht wir, das deutsche Volk, haben die Kriege begonnen, sondern einige Leitfiguren mit verlogenen Idealen haben durch ein Regime von Hetze, Angstverbreitung, Spionage und oft ausgeführten Todesdrohungen unsere Bevölkerung in verbrecherischer Art zu ihrem Kriegswerkzeug gefügig gemacht. Das können auch noch so viele Historiker aufarbeiten – letzten Endes war es nichts anderes als ein Verbrechen am deutschen Volk und an der Menschheit.  


Nicht die Politik ist unser Problem, sondern das, was wir aus der Politik machen. Wir fordern von der Politik Stabilität, Sicherheit und eine verträgliche soziale Struktur. Aber all das, was wir von der Politik abfordern, müssen wir selbst erst einmal leben. Und dazu müssten wir aus dem „Ich“ wieder ein „Wir“ machen und aus dem „Mein“ ein „Unser“. Und diesen letzten Satz darf jeder für sich zu Hause mal überdenken, soll sich überlegen, ob man bereit ist, weiterhin als Einzelkämpfer einen auf Dauer nicht zu gewinnenden Kampf führen will oder sich im Gemeingeist dessen bewusst wird, wie und was alles dazu beigetragen hat, dass unser Land seit nunmehr über 70 Jahren in Frieden leben darf.


Aus all diesen Gedanken heraus stehe ich am Ehrenmal, um an diesem besonderen Tag auch in Betrachtung der Gegenwart und was wir daraus machen, derer zu gedenken, die dem Schicksal des Krieges nicht entfliehen konnten und ihr Leben opfern mussten. Ich bin aber auch hier, um über den Frieden zu sprechen. Und ich bin hier, um unserem Herrgott zu danken, dass ich und unsere ganze Gemeinde in einer Friedenszeit leben und ich bin weiterhin dankbar, dass wir alle unter den Vorzügen eines Sozialstaates leben dürfen, die aus diesem Frieden erwachsen sind.

 

Der Volkstrauertag soll das Gedenken und den Friedenswillen vereinen.

Die Vergangenheit können wir nicht ändern, aber die Zukunft lenken!

 

 

Karl Malz

1. Bürgermeister

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